#ISTJAKRASS

Anna Luther im Interview zu der Aktion #istjakrass auf dem Hanse Innovation Campus Lübeck.

HIC Lübeck: Liebe Frau Luther, stellen Sie sich uns vor. Wer sind Sie?

Anna Luther: Ich bin Anna Luther und arbeite an der Universität zu Lübeck. Meine Freizeit verbringe ich vorwiegend mit meiner Familie. Da wir erst seit Sommer 2020 hier im Norden leben, gibt es in der Umgebung noch viel für uns zu entdecken.

HIC Lübeck: Welche Aufgaben haben Sie am Hanse Innovation Campus Lübeck?

Anna Luther: Ich arbeite in der Zentralen Universitätsverwaltung im Referat für Chancengleichheit und Familie. Das Referat ist in der Abteilung für Strategische Hochschulentwicklung angesiedelt. Meine größten inhaltlichen Schwerpunkte sind Inklusion und Barrierefreiheit, daher bin ich zudem auch Inklusionsbeauftragte der UzL. Das bedeutet, dass ich Maßnahmen plane und umsetze, um Barrieren abzubauen und das Studieren und Arbeiten inklusiver für alle zu gestalten.

HIC Lübeck: Was ist das #istjakrass Projekt?

Anna Luther: Bei den erwähnten Barrieren denken viele wahrscheinlich direkt an Rollstuhlrampen und automatische Türöffner. Allerdings ist das Feld der Barrieren sehr weit – von baulichen bis hin zu den Barrieren in unseren Köpfen. Tatsächlich sind die allermeisten Beeinträchtigungen nämlich von Außenstehenden nicht wahrnehmbar – unter Studierenden sind über die Hälfte der Beeinträchtigungen psychisch. Und genau darum geht es bei dem Projekt #istjakrass: die Barrieren in unseren Köpfen und Vorurteile sollen abgebaut werden. Das Projekt besteht aus einer Serie von acht Plakaten, die in bunten Farben und mit einer subtilen Personen-Illustration je eine Diagnose darstellen. Die Plakate sollen die Erkrankungen sichtbar machen, zum Stehenbleiben anregen und für Gesprächsstoff sorgen. Über die dazugehörige Webseite kann man sich niederschwellig über die einzelnen Diagnosen informieren. Nebenbei findet man dort aber auch Tipps für psychische Gesundheit, Anlaufstellen und wie man betroffene Angehörige unterstützen kann.

HIC Lübeck: Warum haben Sie dieses Projekt angestoßen?

Anna Luther: Wie meistens an Hochschulen ist #istjakrass ein Gemeinschaftsprojekt vieler kluger und kreativer Köpfe. Bereits im Wintersemester 2018/19 wurde durch das Referat Qualitäts- und Organisationsentwicklung eine Interviewstudie zur Barrierefreiheit auf dem Campus durchgeführt. Die Umfrage lieferte sehr umfangreiche und gewinnbringende Informationen. Ein Punkt, der wiederholt in der Studie angesprochen wurde, war das mangelnde Verständnis von Nicht-Betroffenen für psychische Erkrankungen. Auch die Corona-Pandemie trug dazu bei, dass dieses Projekt nun umgesetzt wurde, da die psychischen Belastungen aller gestiegen sind und deutlicher zu Tage treten. Mit der Idee bin ich also auf viele offene Ohren gestoßen. Zunächst habe ich mit unserer Marketing-Abteilung und Artdirektion zusammengearbeitet – das Design der Plakate ist von Alexandra Klenke-Struve. Inhaltlich arbeitete ich eng mit dem Lehrstuhl Studierendengesundheit/Gesunde Hochschule zusammen und habe viele Gespräche geführt mit selbst betroffenen Studierenden sowie der Inklusionsbeauftragten des AStA.

HIC Lübeck: Warum liegt Ihnen dieses Projekt so am Herzen? Und was wünschen Sie sich für die Zukunft für dieses Projekt?

Anna Luther: Mir liegt vor allem die Botschaft des Projekts am Herzen. Es ist immer noch sehr viel schwieriger, zuzugeben, dass jemand zur Psychotherapie geht, als z. B. zur Physiotherapie. Und genau das erschwert Betroffenen den Alltag sehr. Zudem werden Diagnosen oft gar nicht oder zu spät gestellt, wenn Menschen nicht informiert sind oder sich nicht trauen, Hilfe zu suchen. Das kann im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden. Ich kenne – wie wir vermutlich alle – einige Menschen, denen früherer Rat und mehr Offenheit im Umfeld viele Probleme erspart hätte. Dass ich mit der Idee des Projekts aber auf allen Seiten auf große Offenheit gestoßen bin und nie dessen Wichtigkeit in Frage gestellt wurde, zeigt, das bereits ein Umdenken stattfindet. Daher wünsche ich mir für die Zukunft dieses Projekts, dass die Botschaft ankommt und weitergetragen wird. Ich wäre auch offen dafür, mit anderen Hochschulen oder interessierten Stellen zusammenzuarbeiten, um die Reichweite zu erhöhen.