Der gemeinsame internationale Master-Studiengang Biomedical Engineering in Lübeck

Silke Venker, Thorsten M. Buzug, Stephan Klein

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Zusammenfassung
Seit dem WS 02/03 bieten die Fachhochschule Lübeck und die Universität zu Lübeck gemeinsam das internationale Master Programm „Biomedical Engineering“ an, in das sich bisher 396 Studierende eingeschrieben haben. Hier fließen das Know­How und die Erfahrung beider Institutionen aus über 30 Jahren Zusammenarbeit in der Ingenieurausbildung für die Medizintechnik zusammen und runden das Lehrangebot auf dem BioMedTec Wissenschaftscampus ab.

Ausgangssituation
Medizintechnik ist seit mehreren Jahrzehnten ein wichtiger Studienschwerpunkt in Lübeck. Daher haben die Universität zu Lübeck und die Fachhochschule gleich am Beginn des sogenannten Bologna-Prozesses die Planungen zu einem gemeinsamen Master-Studiengang im Bereich der Medizintechnik aufgenommen. Es gelang, im Förderprogramm „Auslandsorientierte Studiengänge“ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD eine Anschubfinanzierung einzuwerben, sodass sich nach Vorarbeiten einer Arbeitsgruppe die ersten Studierenden zum WS 2002/03 einschrieben. Seitdem beginnen jährlich ca. 25 bis 30 Studierende diesen Master-Studiengang.

Konzept
Der Studiengang wird komplett in englischer Sprache durchgeführt. Ziel ist die paritätische Aufnahme von Studierenden aus dem In- bzw. Ausland. Die Gruppe der Studenten ist bunt gemischt. Aus bisher fast 60 Ländern wurden Studierende eingeschrieben (Tabelle 1). Sie tragen damit nachhaltig zur Internationalisierung des Hochschulstandortes Lübeck bei. Die deutschen Studierenden nutzen häufig die Bearbeitung des Forschungsprojektes für einen Aufenthalt im Ausland, so waren BME-Studierende bisher in den Ländern Australien, Dänemark, Kanada, China, Frankreich, Finnland, Ghana, Großbritannien, Island, Indien, Irland, Israel, Japan, Korea, Niederlande, Neuseeland, Spanien, Schweden, Schweiz und den USA. Zusätzlich bestehen vielfätige internationale Kooperationen mit Hochschulen – wie etwa der Deutsch­Jordanischen Universität in Amman und Universitäten in Portugal, Spanien und Schweden.

Zulassungsvoraussetzungen sind ein abgeschlossenes Studium einer Ingenieur- oder Naturwissenschaft (Physik) oder der Informatik mit mindesten 180 ECTS sowie der Nachweis englischer Sprachkenntnisse.

Algeria 1 Honduras 1 Norway 2
Australia 2 Iceland 1 Pakistan 18
Austria 1 India 57 Palestine 3
Bangladesh 7 Indonesia 5 PR China 13
Belarus 1 Iran 12 Romania 1
Bosnia-Herz. 1 Ireland 1 Russia 7
Brazil 2 Iraq 3 Serbia 2
Bulgaria 2 Israel 1 Singapore 1
Cameroon 4 Japan 1 South Korea 1
Canada 2 Jordan 4 Sri Lanka 1
Colombia 6 Kazachstan 1 Sudan 6
Egypt 8 Kirgisia 1 Syria 2
Emirates 1 Lebanon 1 Turkey 4
Ethiopia 1 Lybia 2 Ukraine 4
Finland 1 Malaysia 3 USA 13
Gambia 1 Mauretania 1 Venezuela 5
Germany 140 Mexico 11 Vietnam 3
Ghana 9 Nepal 4 Yemen 2
Guatemala 1 New Zealand 1
Greece 1 Nigeria 3
TABELLE 1. HERKUNFTSLÄNDER DER VON 2002 – 2016 INSGESAMT EINGESCHRIEBENEN 396 STUDIERENDEN AUS 58 LÄNDERN

Nach zunächst drei beträgt seit der erfolgreichen Re-Akkreditierung im Herbst 2016 die Studiendauer jetzt vier Semester (Bild 1). Studienbeginn ist jeweils das Wintersemester. Im ersten Semester werden die Studierenden je nach Studienabschluss des Erststudiums in zwei Gruppen aufgeteilt, um durch fachliche Ergänzungen einheitliche Voraussetzungen zu schaffen. Studierende mit einem Studienabschluss in Elektrotechnik, Informatik, Maschinenbau, physikalischer Technik, Verfahrenstechnik oder Werkstofftechnik erhalten eine Einführung in die medizinischen und die medizintechnischen Grundlagen. Studierende mit einem Abschluss in Bio­Medizintechnik vertiefen im ersten Semester ihre Kenntnisse in den technischen Fächern wie z.B. Elektrotechnik, Elektronik, Signalverarbeitung oder Konstruktion. Im zweiten Semester werden in gemeinsamen Lehrveranstaltungen wie z.B. Bildgebung oder -verarbeitung für alle Studierenden die Grundlagen anwendungsorientiert vertieft. Die Vermittlung der Lehrinhalte erfolgt zu einem großen Teil projektorientiert in Gruppen. In diesem Semester besteht außerdem die Möglichkeit, sich durch Auswahl aus einem großen Angebot von Wahlpflichtfächern entsprechend eigener Interessen und Ziele zu spezialisieren.

Im Anschluss an das zweite Semester ist die Bearbeitung eines praxisorientierten Forschungsprojektes vorgesehen. Dazu ist eine Zeitspanne von vier Monaten eingeplant. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes werden dann am Beginn des vierten Semesters auf der Lübecker Studierendenkonferenz präsentiert. Das Konzept dieser Konferenz, die auf dem BioMedTec Wissenschaftscampus seit 2013 jährlich veranstaltet wird, wurde ursprünglich für den Studiengang „Medizinische Ingenieurwissenschaft“ entwickelt und jetzt in mehreren Studiengängen umgesetzt. Die Studierenden müssen dazu einen wissenschaftlichen Beitrag verfassen, ein Poster entwerfen und kurz präsentieren sowie einen Vortrag halten.

Für das vierte Semester ist die Anfertigung der Master-Thesis vorgesehen, die in einer einstündigen Abschlussprüfung vertreten werden muss. Sowohl das Forschungsprojekt als auch die Abschlussarbeit werden häufig in einer der beteiligten Institutionen des gemeinsamen Lübecker Kompetenzzentrums TANDEM – Technology and Engineering in Medicine bearbeitet, das die beiden Hochschule 2009 gegründet haben.

 

Bild 1. Studienkonzept Biomedical Engineering

Um gerade auch die ausländischen Studierenden bei Ihrem Studienstart in Deutschland zu unterstützen, werden sie eng von einer Studiengangskoordinatorin begleitet – vom Erstkontakt und der Bewerbung über die Wohnungssuche und die Unterstützung bei Visa- und Stipendienbewerbungen bis hin zur persönlichen Betreuung nach Ihrer Ankunft. Jährlich erfolgen ca. 300 Anfragen, die zu durchschnittlich 130 Bewerbungen führen. Von den i.d.R. ca. 45 zugelassenen Bewerbern/innen nehmen dann rund 30 ihr Studium auf.

Neben einer englischsprachigen Einführungswoche wird jährlich im November eine gemeinsame Fahrt nach Düsseldorf zur Fachmesse MEDICA, der größten Medizintechnik-Messe der Welt, angeboten. Außerdem gehören eine Weihnachtsfeier, ein Grillfest im Sommer sowie Unternehmensbesuche z.B. bei den Firmen Dräger in Lübeck und Olympus in Hamburg sowie Workshops und viele andere gemeinsame Veranstaltungen zum Jahreskalender des Studiengangs.

Das Studium bereitet auf die Tätigkeit als Ingenieur/in im Bereich Medizintechnik in anwendungs-, herstellungs-, forschungs-, entwicklungs- und lehrbezogenen Tätigkeitsfeldern vor. Alle Absolventen wurden in der Vergangenheit auf dem regionalen und überregionalen Arbeitsmarkt sehr gut aufgenommen, wobei inzwischen etwa ein Fünftel von ihnen im Anschluss an das Studium ein Promotionsprojekt beginnt. Die ausländischen Studierenden, die zum Teil aus Schwellenländern kommen, erhalten eine Qualifikation, die sie auf Führungsaufgaben in ihren Heimatländern vorbereitet- wenn sie nicht in Deutschland bleiben wollen oder können.

Der Studiengang leistet durch die Verbindung der beiden Hochschulen einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des BioMedTec Wissenschaftscampus. Viele Merkmale und Erfahrungen der Zusammenarbeit können auch auf den zukünftigen gemeinsamen Studiengang „Hörakustik und Audiologische Technik“ übertragen werden.

Autoren

Silke Venker, M.Sc.
Fachhochschule Lübeck
Fachbereich Angewandte Naturwissenschaften
(korrespondierende Autorin)

Prof. Dr. rer. nat. Thorsten M. Buzug
Universität zu Lübeck
Institut für Medizintechnik

Prof. Dr.-Ing. Stepan Klein
Fachhochschule Lübeck
Medizinische Sensor- und Gerätetechnik

 

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